Was ich als Motorrad-Fahranfänger gerne gewusst hätte

Inspiriert durch ein Gespräch mit einer Bekannten, die gerade den Motorradführerschein gemacht hat, habe ich die Jahre seit dem Führerschein Revue passieren lassen und mir überlegt welche Erkenntnisse bzw. welches Wissen aus 23 Jahren cool gewesen wären schon von Anfang an zu haben.
Dabei entstanden die folgenden Zeilen.

Richtig Fahren lernen
Es klingt offensichtlich, das Fahren lernt man nicht in der Fahrschule. Oft hört man, und so ging es auch mir, „Du musst einfach fahren, fahren, fahren! Dann wird das schon.“ und das ist auch ein guter Tipp, der macht allerdings erst so richtig Sinn wenn man weiß auf was man achten soll, wo man seine Schwächen hat und wie man es verbessern kann.
Mein erster Fahrsicherheitskurs (die Kosten können unter Umständen von der Berufsgenossenschaft übernommen werden) führte mich an die Grenzen des physikalisch möglichen, den Grenzbereich unter kontrollierten Bedingungen zu erfahren war mein erster großer Heureka Moment, den ich auch regelmäßig alle 2-4 Jahr auffrische.
Was den Spaß am Motorradfahren aber so richtig entfesselte war mein erstes Kurventraining. Natürlich ist man auch zuvor durch die Kurven gekommen und theoretisch wusste man auch wie das alles ablaufen sollte, aber das ganze intensiv in 1-2 Tagen zu lernen war für mich ein riesiger Sprung zum besseren Fahrer. Richtiger Blick, richtiges Bremsen, richtige Linienwahl, mit Auslegermotorrad den Grenzbereich und darüber hinaus kennenlernen. Zudem macht es einen riesen Spaß auf abgesperrtem Gelände, mit viel Grip, 1-2 Tage kaum aus der Schräglage raus zu kommen. 😉
Kurzum, macht Trainings! Die sind nicht besonders teuer und machen besonders am Anfang der Karriere richtig viel Sinn!

PS: Immer wieder erlebe ich bei Kurventrainings Motorradfahrer die angeben, schon 20-30 Jahre Fahrpraxis zu haben, aber schlimmer durch Kurven „eiern“ als jeder Fahranfänger und ihr Motorrad nicht auf engem Kreis wenden können.

Schutzkleidung
Was habe ich Tausende an D-Mark und später Euro in Kleidung investiert. Am Anfang geht es oft darum, dass man sich Motorrad und Unterhalt leisten kann, die Schutzkleidung wird meist durch das Restbudget limitiert. Das hatte bei mir die Folge, dass ich mir erstmal das Nötigste möglichst günstig anschaffte mit der Konsequenz, dass meine Jacke für Temperaturen unter 15° zu kalt war, aber da will man ja ggf. auch fahren. D.h. sobald wieder Geld da war, wurde eine kostengünstige Jacke gekauft, die auch Temperaturen zwischen 5-15° abdeckte. Wasserdicht waren beide recht schnell nicht mehr, d.h. eine Regenkombi wurde nötig, den musste man aber auch für den Fall der Fälle dabei haben. An heißen Sommertagen >35° war dann auch die erste Jacke zu warm, also floss das Geld in eine günstige Meshjacke.
Nach 2-3 Jahren hatte ich 3 Jacken, wovon die erste auch langsam ihren Geist aufgab, 4 Paar Handschuhe, 2 Paar Hosen und 2 Paar Stiefel, eine Regenkombi, 2 Helme, Nierengut (sowas hat man früher noch gekauft) und 3 Halstücher. Rechnet man diese Kosten zusammen kommt man am Ende bei >2000 € raus. Für dieses Geld, bekommt man auf dem Markt auch einen „All-In-One“ Anzug inkl. Helm und Stiefeln mit dem man fast alles genau so gut abdeckt und der qualitativ meist auch besser ist, dass man sich auf die nächsten 5-10 Jahre keine Gedanken mehr machen muss. Um das zu erkennen musste ich aber erstmal 15 Jahre Motorrad fahren und ca. 10-12.000 Euro für Schutzkleidung ausgeben.
Fazit, wenn es irgendwie möglich ist kauft euch von Anfang an gute Bekleidung, die muss auch gar keine 2000 € kosten, selbst wenig genutzte, gebrauchte Bekleidung ist eine legitime und bessere Wahl als die 150€ Jacke bei Polo/Louis.

Wahl des Motorrades
Mein erstes Motorrad war 1998 eine Suzuki GSF 600 N „Bandit“. Ca. 225 kg, 600ccm Reihenvierzylinder gedrosselt auf 34 PS. Jedes Überholmanöver musste 3 Wochen zuvor haarklein am Reisbrett geplant werden um nicht zu einem Höllenfahrtskommando zu werden. Tat man das nicht, bedeutet das, 3 Gänge runterschalten, Gas voll aufdrehen, die optimalen Schaltzeiten nicht verpassen um dann gefühlt in Zeitlupe am Auto vorbei zu fahren. Deshalb hab ich es meist gelassen und fuhr weiter hinter dem Auto her. Das führte sogar soweit, dass ich die Lust am Motorradfahren fast verlor.
Nach zwei Jahren durfte das Motorrad ungedrosselt, und in meinem Fall mit rund 75 PS, gefahren werden… wirklich viel änderte das aber nicht.
So richtig Spaß machte es erst ca. 11 Jahre später mit dem 800ccm Reihenzweizylinder der BMW F 800 R. In den meisten Fällen reichte ein Dreh am Gasgriff und Schwupps war man vorbei. Mit R 1200 R und R 1200 GS war man dann nochmal souveräner unterwegs.
Aber es geht auch anders, statt mehr PS ist gerade am Anfang weniger Gewicht womöglich sogar die bessere Wahl, insbesondere wenn man noch nicht so sicher ist und sowieso auf 45 PS beschränkt ist. Ein 170 kg schweres Motorrad hält man eher vom Umfallen ab als ein 225kg schweres Eisenschwein.
Als Denkanstoß… muss ich von Anfang an mein Traummotorrad in gedrosselter Form fahren oder ist es nicht vielleicht doch besser die ersten 2-4 Jahre mit einem leichten, agilen Motorrad Erfahrung zu sammeln. Ein Umfaller in den ersten 2 Jahren ist fast garantiert, vielleicht auch ganz gut wenn das nicht direkt das Traummotorrad ist.

Reifen statt Zubehör
Wie gerne möchte man sein Motorrad individualisieren, farbige Kette hier, kurzes Heck da, Endtopf dort und ruckzuck ist man eine mittlere 3-stellige Summe los. Das ist auch alles ganz toll fürs Instagram-Profil, aber das tollste Zubehör dieser Welt kompensiert leider nicht einen schlechten Reifen. Gerade am Anfang, wo man auch mal öfter Fahrfehler macht ist ein zielgenauer und agiler Reifen von Vorteil. Das heißt im Zweifel, dass man einen Supersportreifen montiert, der nur 3-4000 km hält, aber die Leistungsreserven können sich schnell bezahlt machen. Vor allem auch der Nässegrip unterscheidet sich oft enorm… am Anfang war ich überhaupt kein Freund von Fahrten im Regen, das hatte einerseits mit den Klamotten zu tun aber auch andererseits mit einem unsicheren Fahrgefühl. Nach einem Kurventraining bei Regen mit entsprechend guten Reifen fiel der Groschen und seit dem macht es mir sogar Spaß im Nassen zu spielen.

Ich will hier gar nicht als großer Klugscheißer auftreten, jeder macht seine individuellen Erfahrungen und das ist auch durchaus eine gute Sache, wenn mir die 4 genannten Dinge aber schon früher bewusst gewesen wären, hätte ich schon viel früher viel mehr Spaß am Motorradfahren gehabt.
Nutzt die Infos, oder lasst es einfach bleiben 😉

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